Wie wahrscheinlich ist ein Blackout und wie lange dauert dieser in Prutz?
Profitiert Prutz im Falle eines europaweiten Stromausfalles vom Kraftwerk Kaunertal? Bericht von den Exkursionen am 26.07.2022 und 23.08.2022.
Im Rahmen unseres KEMAP-Projektes haben wir einen umfangreichen Fragenkatalog zu den 5 Krisenszenarien und damit auch zum Thema Blackout erstellt. Eine sehr zentrale Frage, die sich mehrere Gruppen unabhängig voneinander gestellt hatten, war folgende:
Prutz ist Standortgemeinde eines der größten Spitzenstromkraftwerke Österreichs. Profitieren wir eigentlich von diesem Umstand im Falle eines europaweiten Blackout?
Grundsätzlich gingen im Vorfeld die Meinungen auseinander. Nein, wir profitieren nicht, so einige KEMAP-Mitglieder: „Das KW-Kaunertal produziert ja nur Strom für das europäische Verbundnetz, wir erhalten Energie also nur indirekt zurück“. Andere wieder meinten, dass die Nähe zum Kraftwerk sehr wohl ein enormer Vorteil wäre.
Mit der Exkursion ins Kaunertal Kraftwerk am 26. Juli 2022 wollten wir diese Frage nun möglichst eindeutig beantwortet haben. Um 19 Uhr war Treffpunkt direkt beim Haupteingang des Kaunertal-Kraftwerks. Mit leichter Verspätung begrüßte Projektleiter Karlheinz Eckhart die rund 25 Teilnehmer:innen und bedankte sich für die Einladung durch die Tiwag. Bei der kurzen Ansprache betonte Karlheinz Eckhart nicht nur die energietechnische Bedeutung des Kraftwerkes Kaunertal, sondern auch die historische Bedeutung dieses für die 1960er-Jahre revolutionären Großprojektes.
Franz Eckhart von der TIWAG führte in weiterer Folge durch den Abend. Nach der Vorführung eines kurzen Image-Films begann Franz Eckhart seine Ausführungen mit dem Schwerpunkt „Blackout“. Neben einigen Kennzahlen zum Energieverbrauch und zu den Leistungsspitzen in Tirol, erklärte Franz Eckhart, dass die wichtigste physikalische Kenngröße für die Stabilität eines Stromnetzes die Frequenz sei, welche immer genau 50 Hertz betragen müsse. Schwankungen bei der Einspeisung und im Verbrauch führten zu minimalen Schwankungen in der Frequenz, welche sofort ausgeglichen werden müssten, um die Stabilität des Stromnetzes zu gewährleisten.
Die Netzstabilität betreffend, spielen Spitzenstrom-Kraftwerke, wie jenes in Prutz eine zentrale Rolle. Das europäische Verbundnetz ist aufgrund der vielen beteiligten Akteure sehr komplex geworden. Auch wenn mehrstufige Kontrollmechanismen die Stabilität des Stromnetzes garantieren sollen und ein Blackout damit noch immer unwahrscheinlich ist, ein Restrisiko bleibt bestehen, dass aufgrund einer unkontrollierbaren Kettenreaktion der Ernstfall eintritt. Lokale Ereignisse gab es etwa 2003 und 2006. Die Abschaltung der deutschen Atomkraftwerke und die unregelmäßige Verfügbarkeit von Photovoltaik- oder Windenergie würden dazu beitragen, dass das Risiko in den letzten Jahren angestiegen sei, so Franz Eckhart.
Die Tiroler Stromversorgung wird nach einem Blackout von Prutz aus wieder hochgefahren.
Mit dem Start eines der beiden Eigenbedarfsgeneratoren wird die Voraussetzung für die Wiederinbetriebnahme des Kraftwerk Kaunertal und damit für das Hochfahren der Tiroler Stromversorgung nach einem Blackout geschaffen.
Für den Fall eines „großen“ Blackout in Europa hat die Tiwag ein umfangreiches Krisenmanagement vorbereitet. Ein komplexer Wiederaufbauplan soll dafür sorgen, dass Tirol möglichst rasch wieder mit Strom versorgt werden kann. Die österreichische Bundesregierung hat einen Krisenstab für den Fall eines Blackout eingerichtet, unter Federführung der APG (Austria Power Grid), welche unter anderem dafür zuständig ist, die Informationen aus dem In- und Ausland im Ernstfall zu bündeln. Wird der Ernstfall eines Blackout ausgerufen, so beginnt bei der Tiwag die Umsetzung des Krisenplanes.
Prutz spielt eine entscheidende Rolle!
Das Kraftwerk Prutz ist schwarzstartfähig. Dies bedeutet, dass das Kraftwerk über eine vom Netz unabhängige Stromversorgung verfügt – in Prutz sind dafür 2 Eigenbedarfsgeneratoren vorhanden, um die notwendigen Einrichtungen zum Betrieb der Hauptmaschinensätze zu betreiben. Es gibt mehrere Varianten, wie das Tiroler Stromnetz wieder aufgebaut werden kann. Die bevorzugte ist jene, dass das Tiroler Stromnetz vom Kraftwerk Kaunertal, also von Prutz aus, wieder aufgebaut wird. Die fünf Hauptmaschinensätze in Prutz wurden, wie alle großen Kraftwerke der TIWAG, mit speziellen Funktionen für den Netzwiederaufbau vorbereitet. Eines der ersten Umspannwerke Tirols, welches wieder in Betrieb gehen würde, ist jenes von Prutz und somit werden auch das Gemeindegebiet von Prutz und die umliegenden Gemeinden wieder mit Strom versorgt.
Fazit: Prutz würde im Falle eines Blackout sehr wahrscheinlich nach rund einer Stunde und 15 Minuten wieder mit Strom versorgt werden können, wenn die bevorzugte Aufbauvariante möglich ist.
Selbst im Falle einer stattfindenden Revision im Kraftwerk Kaunertal und einem alternativen Wiederaufbauplan ausgehend vom Kraftwerk Sellrain-Silz wäre Tirol nach einigen Stunden wieder flächendeckend mit Strom versorgt.
Was, wenn der Worst-Case eintritt?
Im Rahmen unseres Projektes befassen wir uns natürlich immer auch mit Worst-Case Szenarien. Die gute Nachricht zuerst. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass wir in Prutz längere Zeit ohne Strom auskommen müssen. Experten führen jedoch auch andere Aspekte ins Feld. So gibt es Befürchtungen, dass ein Hackerkollektiv das Stromnetz massiv stören und so einen Aufbau des Stromnetzes für längere Zeit verhindern könnte. Andere Regionen in Europa haben zudem schlechtere Voraussetzungen für einen raschen Netzaufbau. Wie der aktuelle Ukrainekrieg zeigt, kann bereits der Ausfall einiger Produktionsstätten zur massiven Störungen von Lieferketten führen. Selbst wenn wir in Prutz längst wieder mit Strom versorgt werden, müssten wir dennoch damit rechnen, dass die Versorgung mit lebenswichtigen Produkten für längere Zeit gestört bleiben würde. Im Rahmen von KEMAP wollen wir uns demnach auch mit längerfristigen Auswirkungen eines Blackout beschäftigen und entsprechende Vorbereitungen treffen.
Führung durch das Kraftwerk
Im Anschluss an den theoretischen Teil, führte Franz Eckhart durch das Kraftwerk in Prutz. Neben der „Warte“ konnten wir uns auch live von der Kaltstartfähigkeit des Kraftwerk Kaunertal überzeugen. Die entsprechende Turbine wurde zu Demonstrationszwecken gestartet. Eine Führung in den Berg zum neuen Druckstollen und durch das Maschinenhaus zeigten die Dimensionen der mächtigen Kraftwerksanlage.
Fazit: Ein sehr aufschlussreicher Abend mit wertvollen Informationen für unser KEMAP-Projekt ging gegen 21:30 Uhr zu Ende. Danke an die Tiwag und an Franz für die Unterstützung.







